Start Ortsleben Sport Billard „Meine Flüge mit der Nationalmannschaft finanziere ich mit“

„Meine Flüge mit der Nationalmannschaft finanziere ich mit“

Mittwoch, den 19. August 2015 um 09:52

BILLARD Gerd Kunz (49) von der SG Groß Gaglow ist in der 5-Kegel-Disziplin mehrfacher Deutscher Meister. Im Interview spricht er über Rückenschmerzen, fanatische Italiener und weitere Phänomene seiner Sportart. Er gehört zu den besten Deutschen im Kegel-Billard. Im RUNDSCHAU- Interview spricht er über Rückenschmerzen, Kleider-Chic und warum er sein Preisgeld gegen die Flugkosten rechnen muss.

Herr Kunz, ich möchte Sie zunächst einmal beglückwünschen.
Warum?

Weil Sie eine Sportart betreiben, bei der sich das Verletzungsrisiko in Grenzen halten dürfte, oder?
Nun ja, man zieht sich keinen Bänderriss zu. Aber fünf Stunden am Tisch zu stehen, ist auch eine Leistung. Nicht wenige gehen mit Rückenschmerzen nach Hause.

Trotzdem haben Sie sich irgendwann mal dazu entschlossen, diesen Sport auszuüben. Warum?
Es gab eine Arbeitsgemeinschaft in der Schule. Ich war 14 und hatte schnellen Erfolg. Natürlich habe ich vorher auch Fußball gespielt, aber Billard war meine erste Vereinssportart. Auch mein älterer Bruder spielte Billard, der war damals auch besser als ich.

Das dürfte sich nun geändert haben.Man trägt wohl nicht zu dick auf, wenn man Sie zu den besten Billardspielern der Republik zählt?
Es gibt viele verschiedene Disziplinen wie Snooker, Carambol oder Kegel-Billard. Aufs 5-Kegel- Billard bezogen, könnte man mich zu den Besten zählen, ja.

Wo liegen die Unterschiede?
Beim Carambol muss man mit der Spielkugel andere Kugeln treffen. Beim Snooker hat man Löcher zu füllen. Beim Kegeln ist es das Ziel, mit der Spielkugel andere Kugeln so zu treffen, dass so viele Kegel wie möglich umgeworfen werden. Und es gibt auch bei den Tischgrößen Differenzen.

Sie reisen mit der Nationalmannschaft durch die halbe Welt. Was waren Ihre größten Erlebnisse?
Ich war bei neun Welt- und noch mehr Europameisterschaften. Sowohl im Team als auch im Einzel habe ich je sieben Deutsche Meistertitel erspielt. 2011 kam der EM-Titel mit dem Team hinzu. Aber bei der WM bin ich im Einzel noch nicht übers Viertelfinale hinausgekommen.

Vor wie vielen Zuschauern spielen Sie bei solchen Events?
Das sind riesige Hallen mit bis zu 24 Tischen. Da können ein paar tausend Menschen zugucken. Ganz verrückt sind sie in Italien, da ist Billard Nationalsport. Da sind Fernsehteams, die die Finalspiele
sogar live übertragen.

Wünschen Sie sich bei dieser hohen Medienpräsenz nicht manchmal, als Italiener auf die Welt gekommen zu sein? Hierzulande ist Billard ja eher eine Randsportart.
Nein, ich bin nicht neidisch – auch nicht auf andere Sportarten, die hier populärer sind. Man muss akzeptieren, wie der Sport funktioniert. In Italien passt die Mentalität der Menschen einfach zur Sportart, deshalb gibt es dort auch professionelle Spieler und kommerzielle Vereine, während ich meine Flüge mit der Nationalmannschaft zum Teil selbst finanzieren muss. Da muss man schon zusehen, dass man eine Runde weiterkommt, um höheres Preisgeld einzustreichen. Das sind die Phänomene des Sports.

Wenn man bedenkt, dass sich hier Kreisliga-Fußballer bezahlen lassen, klingt das ziemlich unfair ..?
Ach wissen Sie, jeder hat das Recht, sich seinen Sport auszusuchen. Also sollte man sich auch nicht beschweren. Ich bekomme auch meine Anerkennung und Preisgelder. Und in Deutschland hat sich schon einiges getan. Vor 20 Jahren gab es jedenfalls noch keine deutschen Spieler auf internationaler
Leistungsebene.

Was müsste passieren, damit Billard einen ähnlichen Hype erfährt wie Dart, das mittlerweile auch hier zur Primetime im TV läuft?
Was dort gezeigt wird, ist nicht der Alltag. Klar geht es da ab wie auf dem Oktoberfest, danach gehen die Spieler aber nach Hause und darten am nächsten Tag in einer Bar vor zwei Zuschauern.

Warum tragen Billardspieler eigentlich Hemd, Weste und Fliege? Mit Verlaub: Aber man könnte doch auch in T-Shirt und Jeans ein paar Kugeln schieben?
Man will dem Sport einen gewissen Chic verleihen und die Spieler adrett aussehen lassen. Gerade in Großbritannien fahren die Zuschauer darauf ab. Ich persönlich finde das aber nicht zeitgemäß, weil Billard damit keine bewegungsgerechte Kleidung hat. Kein Billardspieler kann mir erzählen, dass er sich zu 100 Prozent wohlfühlt, wenn er sich über den Tisch streckt und das Hemd aus der Hose rutscht.

Gibt es eine Kleidervorschrift oder könnten Sie auch in einer blauen Chino bei der WM aufdribbeln?
Es gibt sogar Kleiderkontrollen. Mit einer blauen Hose würde also ich nicht weit kommen. (lacht) Nun ist Billard ja mehr oder weniger ein Kneipensport. Wie sieht es da mit der Nachwuchsarbeit aus? Ein 10-Jähriger wird sich ja kaum an den Tresen setzen und nebenbei ein paar Kugeln schieben? Das war früher einfacher, als auf dem Dorf in jeder Kneipe oder bei jedem Verein ein Tisch stand. Heute kann man nur über Schulen Kontakt aufnehmen, doch dafür fehlt Potenzial. Es gibt zu wenige Trainer und daher auch keinen Lernprozess. Glücklicherweise kommen die besten Jahre im Billard auch erst zwischen 45 und 55, weil es primär auf Erfahrung und Routine ankommt.

Demnach hätten Sie noch sechs gute Jahre. Haben Sie Ziele?
Ich werde im September nochmal zur WM nach Mailand fahren. In meiner Funktion als Cheftrainer der deutschen Billard-Union habe ich aber auch so schon gut zu tun. Vielleicht kann man ja auch als Funktionär Einfluss auf den Sport nehmen.

Inwiefern? Entwickelt sich Billard von Dekade zu Dekade weiter?
Vor 100 Jahren dauerte eine Partie eine Woche, heute kann ein Spiel in einer Stunde entschieden sein. Es gibt weniger Leerlauf, als Sportart muss man attraktiv und unterhaltsam bleiben.

Mit Gerd Kunz
sprach Steven Wiesner


Quelle: Lausitzer Rundschau 03.08.2015
Foto: Helga Ackermann

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