Start Ortsleben Kirche Eine Kirchturmuhr für Groß Gaglow

Eine Kirchturmuhr für Groß Gaglow

Mittwoch, den 04. Mai 2016 um 21:28

Rosetten warteten 125 Jahre auf Zifferblätter / Industriekletterer und Leipziger Turmuhrenfabrik bauen Funkuhr ein
COTTBUS-GROSS GAGLO Industriekletterer haben am Montag die ersten zwei Zifferblätter am Groß Gaglower Kirchturm angebracht. Als die Kirche vor 125 Jahren errichtet worden war, reichte das Geld nicht mehr für ein Uhrwerk. Jetzt endlich kann eine Funkuhr eingebaut werden.

 

 

Nach zahlreichen Windrädern hat Pierre Konzag am Montag seinen ersten Kirchturm erobert. Bei einer Windstärke von drei Metern pro Sekunde schraubt der 31-Jährige aus Schwarzheide den Groß Gaglowern, die 125 Jahre ohne die geplante Kirchturmuhr auskommen mussten, Zifferblätter und Zeiger in die Rosetten.
Blaue, graue und braune Seile kringeln sich vor der Groß Gaglower Kirchentür. "In Deckung", ruft Pierre Konzag vom Kirchturm herunter. Er lässt ein Werkzeugbeutelchen hinabsausen.
Sonst steigt der 31-Jährige von der Schwarzheider Firma Rock'n'Rope auf Windräder, um Rotorblätter zu begutachten. Gemeinsam mit dem Industriekletterer Stefan Hoffmann (35) von der Groß Gaglower Firma INDUSTRIEalpine erobert er am Montagmorgen zum ersten Mal einen Kirchturm. Pfarrer Johannes Winkel ist glücklich, dass die beiden jungen Männer zugesagt haben. Die Feuerwehrleiter ist zu kurz und auch zu schwer für den Platz über den Grüften.
Als die neoromanische Backsteinkirche im Jahr 1891 errichtet wurde, reichte dem Bauherrn das Geld nicht mehr für die geplante Uhr: Die vier Rosetten für die Zifferblätter im Turmgiebel blieben über Jahrzehnte leer. Die Dorfbewohner sollen einiges unternommen haben, um doch noch zu einem mechanischen Uhrwerk zu kommen – ohne Erfolg. Jetzt hat die Leipziger Turmuhrenfabrik Bernhard Zachariä für rund 9000 Euro eine Funkuhr mit vier Zifferblättern und acht Zeigern aus Aluminium gefertigt.

   

 
Der Mechaniker und Monteur Frank Blumrich schmunzelt. Turmuhren aller Art habe das sächsische Unternehmen, bei dem er seit 30 Jahren arbeitet, hergestellt, eingebaut und gewartet. "Aber dass eine Kirche erst im 125. Jahr des Betstehens ihre Uhr bekommt, ist schon eine kleine Sensation", sagt er. Die Treppenstufen hinauf und dann auf Leitern vorbei an den beiden Glocken hat er das Werkzeug und die vier Wellen mit den Funkkästchen getragen. Dann hämmert er und baut die Elektronik auf.
Eine etwa 21 Zentimeter dicke Mauer, mit der die Rosette einst geschlossen worden war, trennen ihn von Pierre Konzag. Der hat mit dicken Knieschützern, Helm, Seil und Karabinern den 42 Meter hohen Kirchturm erklommen und sitzt auf einem Brett zwischen den Seilen. An seinem Gürtel baumelt die Bohrmaschine. Ein Loch mit einem Durchmesser von drei Zentimetern braucht die Welle. Ist der Bohrakku leer, seilt er ihn zu Stefan Hoffmann ab. Das erste Zifferblatt haben sie mit Muskelkraft hinaufgezogen, für das zweite Blatt in Richtung Süden holen sie das Moped – eine Winde mit Motor. Pfarrer Winkel und Dieter Gasche packen mit an. Es gilt, die Seile so zu halten, dass das Zifferblatt mit einem Durchmesser von 1,23 Meter nicht das Kirchendach rammt. "Noch ein Stück!", ruft Pierre Konzag. Pfarrer Winkel blinzelt hinauf: "Passt es?" Ja, das Blatt lässt sich auf die Welle schieben. Durch fünf Löcher am Rand wird es zusätzlich festgeschraubt. Dann werden der kleine Zeiger und schließlich der große Zeiger auf die Welle gesetzt und zur römischen Zwölf gedreht. Darum hat Frank Blumrich gebeten – für den perfekten Start der Funkuhr heute.
Die ersten Schaulustigen kommen mittags, auch Hoffmanns Kinder winken. Einige Groß Gaglower hatten Sorge, dass die Kirchturmuhr nun regelmäßig schlägt. Aber es werde beim Glockenklang mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr bleiben, verspricht Pfarrer Johannes Winkel. Heute werden sie die Zifferblätter Richtung Norden und Osten montieren. Wie sie das Kirchenschiff beim Aufstieg am besten bewältigen, hat sich Pierre Konzag in der Nacht gut überlegt.


Artikel der Lausitzer Rundschau vom 03. Mai 2016
Von Annett Igel-Allzeit
Fotos: Annett Igel-Allzeith

Fleurop Blumengrüße